Zukunftsorientiertes Bauen bei aktuellen und drohenden Verknappungen von Ressourcen
Die Reduktion der Produktion durch die Pandemie in zahlreichen Branchen sowie die deshalb teils notwendige Stilllegung von Bergwerken und zu kleine Transportkapazitäten führten beim zögerlichen Anlaufen der Weltwirtschaft zu massiven Materialengpässen. Rohstoffe bzw. Grundmaterialien wie Erze, Stahl, Kupfer, Holz oder Kunststoffe wurden zur Mangelware und verhinderten bei zahlreichen Unternehmen weltweit einen glücklichen Neustart der Produktion. Bis sich die Märkte normalisiert haben und die Preise wieder gesunken sind, wird es insgesamt rund 2 Jahre dauern, so die Schätzung von Experten. Da eine ähnliche Situation jederzeit erneut auftreten kann, ist es dringend an der Zeit, über eine veränderte Nutzung von Baustoffen nachzudenken.
Inzwischen ist die Corona-Pandemie aus den Schlagzeilen verschwunden, geblieben ist aber die Materialknappheit. Die Gründe dafür sind vielfältig. Im Bereich Stahl fielen Russland und die Ukraine wegen des Krieges und der Sanktionen gegen Moskau als Lieferanten aus, weshalb das weltweite Angebot an Stahl um über 20% sank. Von den beiden größten Stahlproduzenten weltweit, China und Indien, hat China die Exporte reduziert, weil der Bedarf im eigenen Land derart hoch ist. Außerdem haben sich die Frachtraten nach Asien seit 2020 verfügbar verfünffacht, weshalb der Import von Rohstahl aus China oder Indien unrentabel ist.
Nachdem die Reedereien ihre Transportschiffe wieder flott gemacht haben, fehlt es in den Häfen und auf den Autobahnen an LKWs, weil die wegen mangelnder Chips nicht hergestellt werden können. Obendrein werden Lkw-Fahrer benötigt, denn auch sie sind derzeit akute Mangelware. Ebenso werden bei den Herstellern Fachkräfte benötigt. Während der Corona-Epidemie wurden zahlreiche Betriebe stillgelegt und die Belegschaft wurde entlassen. Viele dieser Menschen sind aus dem Arbeitsleben ausgeschieden oder haben einen anderen Job gefunden und stehen deshalb nicht mehr für ihre alten Arbeitsplätze zur Verfügung.
Was die Zukunft der Baubranche bescheren wird
Die Corona-Pandemie hat aufgezeigt, dass schon ein Störfaktor ausreichen kann, um mehrere Branchen binnen Tagen quasi zum Erliegen zu bringen. Dies scheint aber nur ein Vorgeschmack auf das zu sein, was in der Zukunft droht.
Steigende Bevölkerungszahlen verursachen einen extrem hohen Bedarf an Wohnraum, aber auch an zusätzlichen öffentlichen Gebäuden. Bereits gegenwärtig bei 7,9 Milliarden Menschen auf der Erde ist der verfügbare Wohnraum nicht ausreichend. Für 2030 prognostiziert die WHO einen Anstieg auf 8,5 Milliarden Menschen. Das macht neuen Wohnraum für über 600 Millionen Menschen erforderlich, was mehr als das Siebenfache der Einwohnerzahl der Bundesrepublik Deutschland ausmacht.
Erschwerend kommen Faktoren wie der Klimawandel und die Endlichkeit verschiedener Ressourcen hinzu, was in die Strategien der Baubranche der Zukunft einzuplanen ist.
Verstärkte Nutzung nachhaltiger Baustoffe erforderlich
Im Jahr 2004 wurden in Deutschland bereits für mehr als 20.000 Häuser aus Holz Baugenehmigungen erteilt. Anschließend ging dieser positive Trend zurück auf gut 12.000 Baugenehmigungen 2012. Seither verzeichnet das Bundesamt für Statistik einen kontinuierlichen Anstieg, zuletzt auf deutlich über 22.000 Baugenehmigungen 2019. Allerdings wurden 2004 insgesamt 269.000 Baugenehmigungen erteilt, während es 2019 circa 360.000 waren. Demnach ist der Anteil der Holzhäuser am Gesamtbauvolumen noch immer leicht rückläufig. Eigentlich unverständlich, denn insbesondere Holzhäuser haben in ihrer Qualität, beim Design, dem Preis und beim Wohnklima viele Vorteile zu bieten.
Bauen ohne Stahl – neuartige Baustoffe machen es möglich
Cube heißt das neue Gebäude in Dresden, welches zu Versuchszwecken errichtet wurde. Das Geheimnis dieser Innovation steckt in der Statik und im Material selbst. Obwohl mehrere Etagen und ein Flachdach konstruiert wurden, findet sich im Cube kein Metall und schon gar kein Baustahl. Stattdessen wurde Carbonbeton verwendet, eine Neuentwicklung unter den Betonarten. Dieser ist derart stabil und tragfähig, dass beim Bau des Cube lediglich 20 % des Volumens an Beton benötigt wurden, die für ein derartiges Gebäude ansonsten üblich wären. Dieser neue Baustoff wird C³ genannt, in Anlehnung an die englische Bezeichnung Carbon Concrete Composite.
Auch in Thüringen wird ohne Zement gebaut
In Suhl hat sich vor über 10 Jahren Polycare als Unternehmen gegründet, welches seither weit über 100 Häuser mit einem besonderen Mauerstein errichtet hat. Dieser spart im Volumen rund 75 % dessen ein, was bei einem traditionell gemauerten Haus gleicher Größe notwendig wäre. Und es wird an CO2 gespart, denn der Ausstoß liegt 60 % niedriger als üblich.
Verwendet werden zerkleinerter Bauschutt, Sand und Kunstharz. Aus der Mischung entstehen Mauersteine, die sich ohne Zement oder einen anderen Kleber ähnlich wie Lego-Steine zusammenfügen lassen. Eine so errichtete Wand wird abschließend nur durch Stangen von Baustahl miteinander verschraubt und ist dann witterungsbeständig und wasserdicht. Bemerkenswert ist, dass sich ein kleines Einfamilienhaus von zwei Arbeitskräften in lediglich zwei Tagen fertigstellen lässt. Kurios ist, dass sich dieses Gebäude Stein für Stein wieder abbauen und an einem anderen Ort neu errichten lässt, denn die Steine sind nahezu unbegrenzt wiederverwertbar.
Deton statt Beton
Die Deton Construction GmbH hat weltweit, in Europa und in zahlreichen Ländern die Patente für einen neuartigen Baustoff beantragt. Deton ist CO²-neutral, deutlich leichter als Beton, kommt beim Bauen ohne Stahl aus und lässt sich vollständig recyceln, ohne dass das Material getrennt werden muss. Darüber hinaus besitzt Deton ausgezeichnete schall- und wärmeisolierende Eigenschaften, ist nicht brennbar und lässt sich problemlos mit einem 3D-Drucker verarbeiten. Die allgemeine Zulassung als Baustoff wird noch für 2023 erwartet.
Unser Planet produziert laufend neues Baumaterial
Wie haltbar und tragfähig vulkanisches Gestein ist, hat sich bei Ausgrabungen gezeigt und in Ländern, in denen aktive Vulkane vorhanden sind. Zudem haben einige Gesteinsarten vulkanischen Ursprungs exzellente Dämmwerte an den Tag gelegt, weit bessere als bei Beton, Ziegeln oder Kalksandstein üblich. Einige vulkanische Gesteinsarten werden bereits als Baumaterial genutzt, allerdings oftmals nur regional.
Sofern es ökologisch und ökonomisch Sinn ergibt, sollten einige dieser Baustoffe weltweit zum Einsatz kommen. So könnten der CO2-Ausstoß reduziert und materielle Ressourcen geschont werden. Vorteil hierbei ist, dass Mutter Erde diese vulkanischen Gesteine quasi permanent neu produziert, weshalb es kaum zu einer Rohstoffknappheit kommen kann.
Effektive Verfahren zur Wiederverwendung von Bauschutt und Altmaterialen entwickeln Werden Gebäude abgerissen, fällt Bauschutt in großen Mengen an. Und selbst zum Bauende bei einem Einfamilienhaus füllt sich schnell ein Container mit Bauschutt. Allerdings wird dieser Schutt gegenwärtig selten als Rohstoff betrachtet. Es ist Abfall, der zumeist auf Deponien landet. Nur ein bescheidener Teil wird gebrochen und als Unterfütterung im Straßenbau oder zum Auffüllen bei Baumaßnahmen verwendet.
Die Gründe dafür sind in der Hauptsache:
- fehlende Technik zum Aufbereiten und Zerkleinern von Bauschutt.
- eine unzureichende Trennung der Materialien auf dem Bau.
- oftmals Verunreinigung des Bauschutts mit anderen Reststoffen.
- Recycling von Bauschutt ist derzeit ökonomisch wenig reizvoll.
Kunststoffe am Bau – Verwendung immer und immer wieder
Ein leuchtendes Beispiel für die effiziente Nutzung von recycelten Materialien sind Kunststoffelemente. Am Markt sind unter anderem Paneele für den Fassadenbau, für den Trockenausbau als Zwischenwände und sogar als robuste Außenwände für Nebengebäude wie Garagen oder den Gartenschuppen erhältlich. Außerdem werden Paneele in facettenreichen Dekors als Fassadenelemente hergestellt und für Fußböden gibt es neben den Paneelen auch Platten, Fliesen oder Tafeln. Diese Kunststoffelemente werden in der Regel zu 100 % aus Abfall hergestellt. Soll nach einer Nutzungszeit von 50 Jahren beispielsweise die Kunststofffassade erneuert werden, lässt sich die alte Fassade vollständig recyceln.
Vorhandene Baustoffe in neuem Licht als Rohstoff betrachten
Wir sind geprägt von einer Wegwerfgesellschaft, in der alles nach einer gewissen Nutzungsdauer auf dem Müll landet. So zumindest präsentierten sich die 1950er bis 1980er Jahre. Jetzt heißt es wieder umdenken, zurück zu dem, was einmal war. Schließlich haben unsere Großväter und deren Eltern kaum etwas weggeworfen, weil es noch zu irgendwas zu brauchen war.
Es scheint, als hätten wir teils den Blick dafür verloren. Wir müssen alle Baumaterialen direkt beim Einkauf bereits als wiederverwertbaren Rohstoff sehen, denn so können wir einer Verknappung der Ressourcen aus dem Weg gehen. Zudem ist es unumgänglich, verstärkt nachhaltige oder grenzenlos verfügbare Materialien zum Bauen zu verwenden. Nur dann bleiben uns in Zukunft die unangenehmen und teuren Erfahrungen erspart, die wir 2021 bei der Corona-Rohstoffkrise machen mussten.
